Die Faszination von Außenseitern
28. Januar 2013
Was hat das jüdische Kulturfestival in Krakau mit der Zigeunerwallfahrt in Saintes-Maries-de-la-Mer gemeinsam? Sie üben eine große Faszination auf ihr Publikum aus, nehmen sie doch „exotische“ Nischen in der europäischen Kulturlandschaft ein. Doch rührt diese Faszination gerade auch daher, dass ein integriertes Europa sich gegenüber Randgruppen abschottet, sodass Juden und Zigeuner in ihrer Rolle als Grenzfiguren verharren. Denn eine Abgrenzung gegenüber dem Anderen stärkt das europäische Gemeinschaftsgefühl in der ‚Union’.
Monica Rüthers stellt in ihrem Vortrag aktuelle kulturelle Aufführungen des Jüdischen und Zigeunerischen in Festivals und touristischen Veranstaltungen vor und zeigt Filmausschnitte dazu. Für ihr gleichnamiges Buch erforschte die Historikerin Unterschiede und Parallelen beider Gruppen im europäischen Bewusstsein seit der Wende von 1989/90. Während Europa angesichts des Holocaust das jüdische Erbe als verlorenen kulturellen Reichtum inszeniert, werden gerade die Roma, ebenfalls Opfer des Genozids, in migrationspolitischen Debatten immer noch als Gefahr wahrgenommen. Dabei gibt es, wie Frau Rüthers anschaulich aufzeigt, etliche Gemeinsamkeiten zwischen den populären und nostalgisch verklärten Bildern von Juden und Sinti und Roma.
Aleida Assmann, Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz, moderiert diese Veranstaltung des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“ in Kooperation mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bodensee-Region. Der Eintritt ist frei.